Tipps & Tricks aus der Praxis

Tipps & Tricks aus der Praxis

Literleistung – ein Wort, das bei einer Beurteilung von Motoren immer wieder auftaucht und genau so regelmäßig nicht ganz richtig interpretiert wird. Häufig wird gesagt, dass es sich dabei um jene Motorleistung handelt, die mit einem Liter Kraftstoff erbracht wird. Doch das ist ein Irrtum. Was es mit diesem Fachbegriff wirklich auf sich hat, wird im Folgenden erklärt.

Die spezifische Literleistung eines Motors ist jene rechnerische Motorleistung, die dieser mit einem angenommen Hubraum von einem Liter leisten würde. Diese „Literleistung“ ist nichts anderes als ein Wert für die „Leistungszüchtung“ und somit auch ein Vergleichswert im Verbund mit anderen Motoren. Über die Literleistung lässt sich schnell abschätzen, ob es ein besonders hoch getrimmter Motor ist, oder ob er besser im mittleren Drehzahlfeld tourt; aber auch, ob die forsche Leistungsangabe im Prospekt einigermaßen realistisch scheint. Denn gelegentlich werden dort bereits auf dem Papier die Machbarkeitsgrenzen und die der Physik peinlich übertroffen. Eine Unart, die mitunter auch bei renommierten Motoren-Herstellern anzutreffen ist.

Dreisatz
Was bedeutet nun eine Angabe von zum Beispiel 200 Kilowatt pro Liter (kW/l)? Ein Motor mit dieser spezifischen Literleistung hätte bei einem Hubraum von einem Liter eine Leistung von 200 kW. Bei 2 Liter Hubraum wären es 400 kW, bei 0,5 Liter 100 kW. Und ein Modellmotor mit 10 Kubikzentimeter Hubraum hätte 0,2 Kilowatt. Das ist lediglich einfacher Dreisatz.

Umgekehrt lässt sich nun schön rechnen, welche spezifische Literleistung ein Motor hat – oder hätte! – wenn die Prospektangabe das Motörchen beispiels­weise mit 3,5 Kubikzentimeter Hubraum und 1,8 Kilowatt Leistung anpreist. Wir errechnen flugs einen Wert von 515 kW/l. Hm, das wären spezifisch betrachtet 700 Pfer­destärken, ein – sagen wir mal – auffällig hoher Wert. Realistisch? Umgerechnet auf unser alltägliches Familiengefährt, dessen Hubraum wir für diese Rechnung mit 1,6 Liter annehmen, ergäben sich flotte 824 kW beziehungsweise 1.120 PS! Hm, hm, hm.

Ernüchterung
An dieser Stelle erkennt man, wie hilfreich das Wissen um den theoretischen Wert einer spezifischen Literleistung ist. Schnell sind Prospektwerte als etwas zu optimistisch entlarvt. Solch ein Fachwissen ist übrigens am abendlichen Stammtisch im doppelten Sinne durchaus ernüchternd, wenn mal wieder die motorischen Literleistungen überproportional zu den konsumierten Litern ansteigen.

Durchweg haben Modellmotoren eine relativ hohe Liter­leistung. Werte von echten 200 kW/l sind für einen guten Alltagszweitakter mit Resonanzrohr realistisch. Die extrem gezüchteten Car-Motoren liegen deutlich oberhalb dieser Werte. Da sehr hohe Literleistungen nur über entsprechend hohe Drehzahlen realisierbar sind, haben diese „Renner“ ein erschreckend kurzes Leben.

Augenmaß
Je höher die spezifische Literleistung, desto höher ist die Drehzahl der Höchstleistung angesiedelt. Hohe Literleistungen bedingen hohe Kolbengeschwindigkeiten und belasten die Laufgarnitur mechanisch und den Brennraumbereich thermisch überproportional. Somit ist es nicht verwunderlich, dass ausgesprochene Rennmotoren, die sich tatsächlich bis an die 350 kW/l herantouren, kaum Laufzeiten von 20 Betriebsstunden erreichen. Auch hier ist es also sinnvoll, bei der Angabe von Motor­leistungen stets das richtige Augenmaß zu bewahren.